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13.08.2023, 17:44 Uhr
Größte Herausforderung: Pflege zukunftsfest machen
Ein Zwischenruf von Prof. Dr. Jochen A. Werner
In Deutschland leben 800.000 von fünf Millionen Pflegebedürftigen im Heim. Wenn die Rente nicht reicht und das eigene Häuschen aufgezehrt ist, rutschen die Pflegebedürftigen in die Sozialhilfe, oder es werden ihre Kinder mit über 100.000 Euro Jahresbrutto zur Kasse gebeten.
Es hat eine lange Tradition in der Kommunikation, dass unschöne Meldungen dann veröffentlicht werden, wenn sie möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen. Und so hat das Statistische Bundesamt zur Hochzeit der Urlaubssaison Ende Juli verkündet, dass die deutschen Staatsschulden auf ein Rekordhoch gestiegen seien: Ende 2022 betrug der Gesamtschuldenstand von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherung 2.368 Milliarden Euro, das sind 28.164 Euro je Einwohner. Ich war erstaunt, wie wenig Resonanz diese Meldung hervorgerufen hat, die doch ein wichtiger Indikator für die Schieflage unseres Landes ist und bei der alle Alarmsignale hätten schellen müssen.

Stattdessen: Keine Sondersendungen im TV, keine Diskussionsrunden bei Sandra Maischberger oder Markus Lanz, vielmehr weitgehendes Schweigen. Es liegt, gerade in einem von einer verstaubten Konsenskultur geprägten Land wie Deutschland, scheinbar in unserer Natur, sich a) den Urlaub nicht vermiesen zu lassen und b) Dinge hinzunehmen, solange die Folgen nicht unmittelbar zu spüren sind. Die Gesundheitspolitik ist dafür ein Paradebeispiel.

Dabei steht die gewaltigste Herausforderung unseres Sozialsystems schon vor der Tür: Während viele gesunde und wohlhabende Baby-Boomer heute noch ihre Wohnmobile packen, um bald in Scharen durch Europa und die Welt zu reisen, kollabiert in aller Stille das System, das sie in ein paar Jahren auffängt – die Alten- und Pflegeheime. „Pflegekosten steigen dramatisch an“ warnte noch vor kurzem der Sozialverband Deutschland und verweist darauf, dass Bewohner von Pflegeheimen im Juli 2023 im Durchschnitt 2.548 Euro pro Monat bezahlen müssen. Tendenz: steigend. Wer soll das bezahlen, und wie soll die würdevolle Versorgung alter Menschen funktionieren bei einer Durchschnittsrente in Deutschland von aktuell 1.384 Euro netto?

Macht endlich Eure Augen auf!

Macht endlich Eure Augen auf, liebe Politikerinnen und Politiker, und widmet Euch den Folgen des demografischen Wandels. Denn die geburtenstarken Boomer werden nur noch ein paar Jahre fit und vital sein oder selbstbestimmt durch die Welt reisen. Sie werden wiederkommen, erschöpft von einem langen und anstrengenden (Berufs-)Leben, in dem sie Deutschlands Wohlstand gesichert, die Wiedervereinigung gemanagt und zahlreiche Wirtschafts- und Finanzkrisen, die Pandemie und auch die Energiekrise zu Beginn des russischen Angriffskriegs bewältigt haben. Sie haben sicher nicht alles richtig gemacht, aber auch wiederum nicht so schlecht, als dass sie ihre letzten Jahre in einem maroden Sozialsystem dahinsiechen müssen. Denn schließlich haben sie über Jahrzehnte unsere Sozialsysteme finanziert und damit den Kindern und Enkeln der Nachkriegsgeneration ein Leben in Wohlstand ermöglicht.

Als Dank dafür lebt die geburtenstarke Generation, die häufig viel zu spät den Wert der physischen und mentalen Gesundheit entdeckt hat, in großer Ungewissheit. Wird das zweitgrößte soziale Sicherungssystem Deutschlands sie noch auffangen können? Die Alten und Greisen haben keine Lobby und die heutigen Politikerinnen und Politiker – oft selbst an der Schwelle zum Renteneintritt – haben zwar die Erkenntnis, aber nicht den Mut, die sich anbahnende Katastrophe rechtzeitig in einem strukturierten Verfahren abzuwenden. Denn bei allem ehrenwerten und richtigen Bestreben, das Gesundheitssystem durch eine Krankenhaus- und eine Pflegereform zu retten, fehlt eines ganz dringend: Auch die Alten- und Pflegeheime müssen zukunftsfest werden. Ungesteuerte Insolvenzen bei Krankenhäusern können vielleicht noch durch eine Zentralisierung von Leistungen und über die ambulante Versorgung kompensiert werden. Aber insolvente Alten- und Pflegeheime hinterlassen hilflose, pflegebedürftige alte Menschen, die nicht einfach verteilt werden können. Wo sollen diese Menschen dann hin?

Die Wohlstandsnation Deutschland darf sich nicht mehr auf den Pfründen vergangener Zeit ausruhen, sondern muss heute und vor allem schnell Lösungen für den demografischen Wandel finden. Dichter und Denker sind wir schon lange nicht mehr. Aber die ingenieurhafte Tugend des Lösungsfindens tragen wir hoffentlich noch ausreichend in uns. Wir müssen nur unsere Lethargie überwinden und wieder Antrieb finden, um Dinge proaktiv anzugehen und unsere Zukunft selbst zu gestalten. Fangen wir mit den Alten an. Und nutzen wir dazu die Tools von morgen: Digitalisierung und KI bieten zahlreiche Ansätze, die maroden Strukturen aufzubrechen, neue Wege zu gehen und ein effizientes System der Versorgung und Pflege Älterer aufzusetzen. Ein zukunftsfestes Gesundheitssystem kommt dabei nicht nur den Älteren zugute. Es entlastet auch die Jüngeren, die in einer bisher nicht gekannten Relation von Erwerb-stätigen und Rentnern demnächst schon genug Herausforderungen zu meistern haben. Die junge Generation braucht in Zukunft Energie für Dinge, die ebenfalls lange Zeit vernachlässigt wurden – für unsere Natur, das friedliche Zusammenleben in einer zunehmend sich polarisierenden Welt, aber natürlich auch für sich, ihre Kinder, die Familie und ihren Beruf.

Es geht daher in dieser Kolumne nicht um die konkreten Wege zu einem zukunftsfesten Gesundheitssystem. Die habe ich in meinen früheren Beiträgen aufgezeigt. Es geht diesmal fernab aller Krankenhausreformen und Digitalisierungsdefizite um Verantwortung. Der jungen Generation gegenüber, um sie nicht zu überlasten. Der älteren Generation gegenüber, die Begriffe wie Work-Life-Balance oder Burnout noch gar nicht kannte und mit ihrem Arbeitsethos unser Land erfolgreich gemacht hat. Diese Gruppe braucht Fürsorge und darf nicht zur Leidtragenden eines zunehmend dysfunktionalen Gesundheitssystems werden.

Der Autor
Prof. Dr. Jochen A. Werner ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Seine Veröffentlichungen haben schwerpunktmäßig die Transformation des Krankenhauses zum Smart Hospital zum Thema. Er will die Digitalisierung nutzen, um die Gesundheitsversorgung besser, leistungsfähig, finanzierbar und menschlicher zu machen. (Text zuerst veröffentlicht in: www.bibliomedmanager.de)
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